Spätfolge der Maserninfektion

19. April 2018

SSPE ist eine tückische Spätfolge der Maserninfektion: Viren zerstören das Gehirn. Experten fordern seit Jahren Impfungen
Nick, vier, wird sterben. Im Kinderhospiz. „Nick war ein fröhliches Kind“, sagt seine Mutter, die wir Martina nennen. Über sich und die Familie will sie nicht reden, aber über diese schreckliche Krankheit, die ihr Junge hat. Will warnen vor dem, was passieren kann, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Die junge Frau hält inne. „War“ – sie spricht von Nick in der Vergangenheit, obwohl er da in seinem Bettchen liegt. Aber er wird nie mehr fröhlich sein. Er redet nicht mehr, wird über eine Sonde ernährt. Wenn Mama sich über ihn beugt, seine Wange streichelt, ihn küsst, reagiert er manchmal noch.Mit leichtem Lächeln oder Augenzucken. Mama versteht ihn. Mama ist da. Mit all ihrer Liebe. Martina zeigt immer wieder Bilder und Videos auf dem Smartphone, da scheint ihr Leben mit Nick dokumentiert zu sein. Erzählt, wie sich ihr Junge angesteckt hat. Bei einem Dreijährigen, der Masern hatte. Das wusste da aber noch niemand. Nick selbst war damals fünf Monate alt – eine Masernimpfung ist aber erst ab dem vollendeten zwölften Lebensmonat möglich! Und Martina ist geimpft, hat Nick anderthalb Jahre lange gestillt. Tage später beginnt das Drama. Mit sehr hohem Fieber kommt Nick in eine Notaufnahme. Die Diagnose schockt: subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE.Spätfolge einer Maserninfektion, eine chronische und unheilbare Gehirnentzündung. Als Nicks Mama das erzählt, bricht sie in Tränen aus ... Beendet dann das Gespräch. Will allein sein mit ihrem Jungen. Die beiden sind bei Pfeiffers im Kinderhospiz. Dr. Anne Gläß von der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) für Kinder und Jugendliche Magdeburg betreut Nick medizinisch. „Masern können zur subakuten sklerosierenden Panenzephalitis führen. Viren zerstören Nervenzellen im Gehirn. SSPE führt zum schleichenden Verlust aller geistigen wie körperlichen Fähigkeiten. Endet im Wachkoma, in dem die Kranken nach Monaten oder Jahren sterben. Eine Behandlung ist unmöglich. Der Fall ist deshalb so tragisch, weil im Alter von fünf Monaten, als sich Nick angesteckt hat, noch gar keine Impfung möglich ist, sondern erst nach zwölf Monaten.“ Die Palliativärztin warnt vor den Folgen der Impfmüdigkeit, besonders bei Masern. „Nur Mütter mit Antikörpern können ihren Kindern den Nestschutz mitgeben, den das Neugeborene in den ersten Monaten schützt. Erwachsene sollten also auch geimpft sein. Unter einem Jahr werden Masern-Mumps-Röteln noch nicht geimpft, da profitieren die Säuglinge von einer hohen Impfdichte“, sagt sie. Die Zahl der Impfgegner und –skeptiker nimmt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor diesem Trend. Denn nichts außer sauberem Trinkwasser schütze so effizient vor gefährlichen Krankheiten wie Impfungen. 919 Menschen sind 2017 hierzulande an Masern erkrankt, das sind dreimal so viele wie im Vorjahr, so das Robert-Koch-Institut (RKI). Die Entwicklung der Masernfälle in Sachsen-Anhalt verläuft dagegen derzeit gegen den Bundestrend. Nach Angaben des Landesamts für Verbraucherschutz gab es 2017 zehn Erkrankungen. Das sind zwei mehr als 2016. Seit 2007 sind 190.000 Menschen an Erkrankungen gestorben, gegen die man impfen kann. Allein die Spätfolgen der Masern kosteten seither mindestens 280 Menschen das Leben, so die Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion Ende 2017. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, heißt es in dem Papier zum Thema „Defizite bei Impfquoten“, da nicht in jedem Verdachtsfall eine Untersuchung erfolgt und diese impfpräventablen Infektionen in den Todesfallstatistiken damit nur unvollständig erfasst werden. Masern könnte man ausrotten, wenn über 95 Prozent der Bevölkerung geimpft wären. Zwei Impfungen schützen ein ganzes Leben. Eine Impfpflicht gibt es hierzulande nicht, obwohl sie häufig zum Schutz der Gesellschaft gefordert wird. Aber die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen gilt als hohes Gut. Die diskutierte Einführung einer Verpflichtung zur Impfung gegen die Masern würde aus Sicht von Prof. Dr. Lothar H. Wieler das Problem der ständig neu aufflammenden Masern-Epidemien in Deutschland nicht lösen. In der Ärzte-Zeitung erklärt der RKIPräsident, dass zuletzt vor allem die großen Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Masern-Ausbrüche ausgelöst hätten. Diese Altersgruppe werde aber bei Forderungen nach einer Impfpflicht nie erwähnt. Die Masern gehen um in Europa. In Italien gilt seit 2017 nach schweren Masernfällen eine generelle Impfpflicht, seit Januar 2018 auch in Frankreich. Deutschland gehörte im letzten Jahr in Europa zu den vier Ländern mit den meisten Masernfällen, so das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Warum aber lassen Eltern ihre Kinder nicht impfen? Warum denken sie nicht einmal an ihren eigenen Schutz? Ist es nicht allgemein bekannt, dass Kinderkrankheiten tödlich verlaufen können? Und sind Menschen, die ihren Immunschutz nicht auffrischen, einfach nachlässig oder verantwortungslos? Ein Grund für die Skepsis gegenüber Immunisierungen sind Impfmythen, auf die Eltern stoßen, wenn sie sich über den Sinn von Impfungen googeln. Auf Spielplätzen und in Kitas breiten sich solche Märchen schnell aus und sind auf Dauer nicht kleinzukriegen. Trotz bekannter Gefahren durch eine Infektion und vorhandenem Impfstoff sind die Impfquoten in Deutschland gering. Im Juli 2017 ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, das die Impfquoten weiter verbessern soll und bestehende Regelungen der Gesetze zu Infektionsschutz (IfSG) und Prävention (PrävG) ergänzt. Demnach dürfen Arbeitgeber in Gesundheitsbereichen Einstellung und Einsatzort des Personals vom Impfstatus abhängig machen. Außerdem sollen Kitas künftig Eltern, die eine Impfberatung verweigern, an das Gesundheitsamt melden. „Masernviren sind extrem ansteckend. Betritt jemand ein Zimmer, in dem sich zwei Stunden zuvor ein Masernkranker aufgehalten hat, dann kann er sich noch anstecken. Anders als bei der Grippe kommt es auch fast immer zu einer Erkrankung, praktisch in 99 Prozent aller Fälle“, so RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Anders als viele Menschen vermuten, geht eine Erkrankung nicht sofort mit den bekannten roten Punkten einher. Zunächst kann eine Infektion die unspezifischen Symptome einer gewöhnlichen Grippe annehmen: Fieber, Müdigkeit, Halsschmerzen. Was passiert denn überhaupt bei einer Masernimpfung? Patienten erhalten abgeschwächte Viren. Dadurch kann es zu einer leichten Impferkrankung kommen, die von einer Rötung und Schmerzen an der Einstichstelle der Impfspritze bis zu leichtem Fieber reichen kann. Erwachsene treffen die Masern härter als Kinder, so die RKI-Sprecherin. Das Virus unterdrücke die Immunabwehr, dadurch komme es häufig zu weiteren Folgekrankheiten. Etwa eine Hirnhaut- oder Lungenentzündung, weil es andere Erreger durch die Masernviren leichter haben. Ein Viertel aller Infizierten, bei denen ein Labortest den Nachweis auf eine Maserninfektion erbringt, müssen in der Klinik behandelt werden. Einer von 1000 Erkrankten stirbt an den Folgen.